Josephs Turnvater

Turnbild Friedrich Pilates
© Stadtarchiv Mönchengladbach

Das Foto von Josephs Vater Friedrich Pilates, der mit einer Gruppe von Turnern vor dem Gladbacher Rathaus posiert, gehört für mich zu den spannendsten Exponaten im Stadtarchiv Mönchengladbach. Es lohnt sich, einen Blick auf ein paar Einzelheiten zu werfen, denn es erzählt eine Menge über das Turnen, das Joseph Pilates und seine Methode stark geprägt hat!

Die Männer, die vor dem Rathaus posieren,  haben die Geräte mitgebracht, mit denen sie als Turner arbeiten. Sehen wir uns zunächst Josephs Vater genauer an, der im Zentrum der Gruppe steht.

Turnfoto Friedrich Stab

Friedrich Pilates hält eine Stange, an deren Enden zwei Eisenkugeln befestigt sind, eine sogenannte Langhantel. Auf dem Boden liegen außerdem kleine Hanteln. Diese Geräte zeigen, dass Friedrich Pilates in seinem Turnverein Schwerathletik praktizierte: Krafttraining, Gewichtheben und alles, was dazugehört. Die Schwerathletik war im späten 19. Jahrhundert eine junge Disziplin, es war etwas Besonderes, dass Joseph Pilates durch seinen Vater schon als Kind ans Krafttraining herangeführt wurde. Perfekte Ausgangsbedingungen, um später selbst eine erfolgreiche Methode zur Körperkräftigung zu entwickeln.

Auf dem nächsten Ausschnitt sehen wir zwei Turner auf dem Pferd, einem der klassischen Turngeräte.

Turnfoto Pferd

Schon Friedrich Ludwig Jahn hatte das Pferd unter dem Namen “Schwingel” eingeführt.  Das Gerät ist aus Holz und Leder gefertigt. Das sind genau die  Materialien, die Joseph Pilates später auch für seine eigenen Geräte wie den Reformer verwendete. Haptik und Geruch dieser Materialien waren ihm seit der Kindheit vertraut.

Sehen wir uns noch einen dritten Ausschnitt an. Hier sind zwei weitere traditionelle Turngeräte zu sehen: Barren und Stab.

Turnfoto Barren und Stab

Die Geschichte des Stabhochsprungs geht zurück bis ins antike Griechenland, die griechischen Athleten blieben für Joseph Pilates zeitlebens Vorbild für einen guten Umgang mit dem Körper. Dass der Stabhochsprung unter deutschen Turnern bis heute hoch im Kurs steht, hat ja Raphael Holzdeppe gerade gezeigt, als er in Peking Silber geholt hat: Herzlichen Glückwunsch dazu! Das große Gerät, das im Hintergrund zu sehen ist, der Barren, geht ebenfalls auf Friedrich Ludwig Jahn zurück.

Die Geschichte, wie dieses Foto ins Stadtarchiv Mönchengladbach gelangte, ist übrigens beinahe noch spannender als das Foto selbst!

Turnfoto Fred

Der Aufkleber in der oberen linken Ecke gibt einen ersten Hinweis. Es ist die Adresse von Joseph Pilates’ Bruder Fred (=Clemens F. Pilates) in St. Louis. Als er 1923 drei Jahre vor seinem älteren Bruder in die USA auswanderte, nahm er dieses Bild seines Vaters als Erinnerung mit.

Sechs Jahrzehnte später, im Jahr 1982, machten Mary Kay und Fred Gladbach, ein Ehepaar aus St. Louis, eine Europareise. Eine ihrer Stationen war Mönchengladbach, wo sie das Stadtarchiv besuchten, weil sie herausfinden wollten, ob der Nachname “Gladbach” auf Vorfahren aus dieser Stadt zurückging. Leider fanden sie nichts, aber sie besichtigten trotzdem ausgiebig die schöne Gladbacher Altstadt. Besonders das Rathaus in der Abtei mit seinem von Säulen geschmückten Innenhof prägte sich ihnen ein.

Zurück in St. Louis entdeckten sie wenige Jahre später auf einem Hausflohmarkt den Abzug eines historischen Fotos, das im Hof das Gladbacher Rathauses aufgenommen worden war! Der Name Pilates sagte ihnen nichts, aber sie freuten sich so sehr über diesen Zufallsfund, dass sie das Bild zum Preis von 15 Dollar sofort kauften. Die Gladbachs ließen eine Reproduktion des Fotos anfertigen und schickten sie an den Bürgermeister von Mönchengladbach, der es wiederum dem Stadtarchiv übergab. Als beinahe zwei Jahrzehnte später, im Jahr 2004, die erste Anfrage nach Joseph Pilates kam, erinnerte sich Stadtarchivar Gerd Lamers an das Foto und fügte es der Sammlung zu Joseph Pilates hinzu.

Dank dieser Kette von Zufällen können wir uns jetzt an diesem Bild und seinen spannenden Facetten erfreuen!

Vielen Dank an das Stadtarchiv Mönchengladbach für die Erlaubnis, das Foto in meinem Blog zu nutzen!

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