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Starke Frauen 1: Carola Strauss-Trier

Die starken Frauen der Geschichte der Pilates-Methode, 1

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Carola am Reformer (with permission of Jillian Hessel, http://www.jillianhessel.com/store.html#pposter)

Carola Strauss-Trier eröffnete das erste Pilates-Studio weltweit – nach Joseph Pilates selbst natürlich. Sie hat maßgeblich dazu beigetragen, die Pilates-Methode auf dem Gebiet der Rehabilitation zu etablieren. Ihre Lebensgeschichte ist mindestens so aufregend wie die von Joseph Pilates – sie enthält jedoch so viel Leid und Schrecken, dass es schwer zu ertragen ist. Ihre Memoiren konnte sie nicht zu Ende schreiben, weil viele ihrer Erinnerungen zu schmerzhaft waren – und doch hat sie überlebt, weitergelebt und Großes geleistet!

Carola wurde 1913 in Frankfurt am Main geboren. Ihr Vater war Eduard Strauß, ein renommierter Chemiker, der aber auch vergleichende Religionswissenschaften am „Jüdischen Lehrhaus“ in Frankfurt unterrichtete. Carola wuchs in einem inspirierenden intellektuellen Umfeld auf – Martin Buber und Franz Rosenzweig waren enge Freunde der Familie. Sie selbst schlug eine künstlerische Laufbahn ein und begann eine Tanzausbildung an der Folkwang-Schule in Essen.

1933 kamen kurz vor ihrem 20. Geburtstag die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht – die Mehrheit der Tänzerinnen und Tänzer unterstützte diese „Bewegung“, von der man sich Erneuerung versprach und neuen Ruhm für die deutsche Nation. Doch für Carola als Jüdin war es eine Katastrophe. Während der ersten zwei Jahre der Nazi-Diktatur hielt sie sich mit kleinen Engagements in Unterhaltungsshows über Wasser und versuchte vor allem nicht aufzufallen. 1935 hielt sie die Angst nicht mehr aus und ging nach Frankreich. Ohne Dokumente, als halblegale Immigrantin, schlug sie sich als Tänzerin in Nachtclubs durch. Auf der Suche nach einer beruflichen Perspektive begann sie sich für Akrobatik zu interessieren und lernte dabei den Akrobatik-Lehrer Marcel Naydorf kennen. Die beiden verliebten sich ineinander. Sie entwickelte ihre eigene Rollschuh-Show, die ein Erfolg wurde, und ihr Leben begann, sich ein wenig zu stabilisieren.

Da brach der Zweite Weltkrieg aus. Die deutsche Wehrmacht marschierte im Norden Frankreichs ein und Carola wurde interniert – von den Franzosen. Aus französischer Sicht war sie eine Deutsche, eine feindliche Ausländerin. Dass sie vor den Nazis geflüchtet war, spielte erstmal keine Rolle. Aus Paris wurde sie in das Internierungslager Gurs gebracht. Marcel Naydorf folgte ihr, versorgte sie dort mit zusätzlichen Lebensmitteln und es gelang ihm, ihre Entlassung zu bewirken.

Es folgten wieder Jahre der Angst. Carola lebte mit Marcel in der sogenannten freien Zone, dem Teil von Frankreich, den die Wehrmacht noch nicht besetzt hatte. Sie wartete verzweifelt auf ein Visum für die Vereinigten Staaten, denn es war vollkommen klar, dass ihr Leben in höchster Gefahr war. Im Juni 1942 bekam sie endlich eine Einreisegenehmigung für die USA. Es war eine Rettung im letzten Moment: Kurz nachdem sich Carola auf die komplizierte Reise über Algerien in Richtung Casablanca aufgemacht hatte, wurde in der „freien Zone“ im Auftrag der Deutschen eine Razzia durchgeführt, bei der  tausende Jüdinnen und Juden festgenommen und nach Auschwitz deportiert wurden.

Nach ihrer Ankunft in den USA wurde Carola erneut interniert: In Fort Howard bei Baltimore überprüfte nun die amerikanische Seite, ob sie tatsächlich als schutzbedürftiger Flüchtling oder nicht doch als feindliche Ausländerin einzustufen sei. Ohne ihren Partner, der kein Visum für die USA erhalten hatte, musste sich Carola nun erneut ein neues Leben aufbauen. Carola fing bald wieder an zu tanzen und sie trat mit einer Rollschuh-Show auf – ihre Rollschuhe waren einer der wenigen Gegenstände, die sie aus Europa mitgenommen hatte. Dann hatte sie 1944 einen schweren Bühnenunfall. Ihr behandelnder Arzt im Lennox Hill Hospital in New York, Dr. Henry Jordan, empfahl ihr für die Rehabilitation das Studio von Joseph Pilates. Er selbst trainierte auch dort.

Die erste Begegnung zwischen Joe und Carola stelle ich mir schwierig vor. Hätte sie eine Wahl gehabt, hätte die junge Frau nach Jahren der Verfolgung durch die Nazis sicher nicht einen Mann wie Joe Pilates mit seinem starken deutschen Akzent ausgewählt, um ihre Reha durchzuführen. Da sie ihrem Arzt Dr. Henry Jordan jedoch vollkommen vertraute, ließ sie sich darauf ein. Und sie war begeistert! Sie war fasziniert von der Effektivität der Pilates-Methode. Sie erkannte, dass Joseph Pilates eine großartige Methode für die Rehabilitation von Tänzern entwickelt hatte. Sie blieb auch nach ihrer erfolgreichen Rehabilitation ständiger Gast im Pilates-Studio und hospitierte, wenn Joseph Pilates mit Reha-Patienten arbeitete.

Zusätzlich bildete sie sich im medizinischen Bereich weiter. Sie hospitierte bei Dr. Henry Jordan und begann, ihn bei der Rehabilitation von Tänzerinnen und Tänzern zu unterstützen. Ende der Fünfziger Jahre, nachdem sie also über zehn Jahre lang im Pilates-Studio von Joseph Pilates gelernt hatte, entschloss sie sich, ein eigenes Studio zu eröffnen. In der Zwischenzeit hatte sie Edgar Trier geheiratet und so eröffnete sie das Studio als Carola S. Trier.

Ihr Studio befand sich in der 58. Straße in New York, nur zwei Blocks von Joes und Claras Studio in der Eighth Avenue entfernt. Durch ihre enge Zusammenarbeit mit Ärzten – neben Henry Jordan arbeitete sie auch intensiv mit dessen Kollegen Dr. William Liebler vom Lenox Hill Hospital zusammen – und ihre Kontakte ins Showbusiness hatte Carola Trier von Beginn an großen Zulauf von Klientinnen aus der Tanzwelt. Ihr straff geführtes, schickes Studio war anders als das Orginal.

Carola Triers Studio war modern und eher zurückhaltend eingerichtet, während sich viele Klienten in Joseph Pilates’ Studio mittlerweile wie bei einer Zeitreise fühlten. Während in der Eighth Avenue jede und jeder selbst für sein Training verantwortlich war, arbeitete man bei Carola Trier one on one. Sie und ihre Assistentinnen bereiteten die Geräte für die Übungen vor, gaben Anweisungen und Feedback. Das Studio lief so gut, dass Carola Trier mehrere Assistentinnen einstellen konnte. Zu ihren Assistentinnen gehörten über die Jahre große Namen wie Romana Kryzanowska und Kathy Grant.

Es gab aber auch einige Gemeinsamkeiten zwischen Carola Trier und Joseph Pilates. Wie er wirkte sie streng und konnte leicht explodieren. Wie Joseph Pilates mochte sie es nicht, wenn in ihrem Studio viel geredet wurde. Und wie er hatte sie zeitlebens einen deutschen Akzent. Eine weitere Gemeinsamkeit war das Interesse, die eigene Arbeit der Öffentlichkeit zu präsentieren. Auch in diesem Bereich war Carola Trier äußerst erfolgreich. 1961 berichtete das Dance Magazine in zwei Artikeln über ihre Arbeit mit Tänzerinnen. 1963 gelang es ihr mit einigen selbst entwickelten Übungen sogar in die Newsweek und die Vogue zu kommen.

“Neue Wege zu einer besseren Figur”, hieß es in der Vogue vom Mai 1963, “nutze jeden Schritt, den du machst […] Ein Grundrezept aus Carola Triers Trainingsstudio, wo schönere Figuren produziert und Ballettnamen ganz nach oben katapultiert werden.” Da sie in den Hochglanzmagazinen nur eigene Übungen präsentiert hatte, war es aus Carolas Sicht nicht nötig gewesen, den Namen von Joseph Pilates zu erwähnen. Er sah das anders und das Verhältnis der beiden kühlte in den letzten Jahren vor seinem Tod merklich ab.

Aus heutiger Sicht hat die Arbeit von Carola Trier Joseph Pilates und seiner Methode jedoch enorm genutzt. Bis 1986 führte sie ihr erfolgreiches Studio in New York City. Ihre Arbeit im Bereich der Rehabilitation war die Voraussetzung dafür, dass Pilates heute in der Reha weltweit genutzt wird, mittlerweile in der Wirkung durch zahlreiche wissenschaftliche Studien bestätigt. Carola Trier bildete zahlreiche Trainerinnen und Trainer aus, die heute zu den einflussreichsten der Pilates-Welt gehören: Lolita San Miguel, Alan Herdman, Deborah Lessen, Jillian Hessel und viele mehr. Sie war es, die Patin für einen Berufsweg stand, den heute unzählige Tänzerinnen und Tänzer gehen, wenn sie ihre aktive Karriere beendet haben: sie werden Pilates-Trainer!

Mehr über Leben und Werk von Carola Strauss-Trier :

Doku und Interviews über Carola auf Pilates Anytime

Ihre unvollendeten Memoiren (Leo Baeck Institute)

Jilllian Hessel im Pilates Style Magazine über ihre Mentorinnen Carola Trier und Kathy Grant

 Im Webshop von Jillian Hessel könnt ihr auch das wunderbare Foto von ihr auf dem Reformer als Kunstplakat bestellen!

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